Attachment Parenting aus Männersicht

Von | 2017-10-02T21:46:47+00:00 Oktober 2nd, 2017|14 Kommentare

Fotograf Stefan Czajkowski

Immer wenn ich abends meiner Zu-Bettgeh-Routine fröhnte, erzählte mir Katja immer öfter irgendetwas über Attachment Parenting, kurz AP, und dass sich die gesamte Mütterblogger-Szene gerade mit diesem Thema und der jeweils persönlichen Definition auseinander setzte. Ich verstand immer nur Bahnhof und fand die ganze Aufregung um irgendeinen reißerischen Artikel(?), ohne mich näher damit befasst zu haben, gefühlt übertrieben. Da das Thema aber Katja irgendwie nicht los lies, informierte ich mich auch darüber um mir eine fundierte Meinung bilden zu können und meinen persönlichen Senf dazu zu geben: Attachment Parenting aus Männersicht!

Die Recherche

Also las ich mir den anscheinend ursächlichen Artikel in der Zeit durch. Wie gesagt, ich wusst überhaupt nichts über Attachment Parenting, Bedürfnisgerechte Erziehung oder dergleichen (als Mann glaub ich, lässt man Dinge mehr auf sich zukommen und entscheidet dann über sein Bauchgefühl). Ich begann also mit dem Lesen des Artikels und stockte schon bei den ersten Zeilen, irgendwas über Bronchitis und Fieber der Autorin, Minusgrade und die beiden Kinder im Freien, weil ja frische Luft so gut für sie sei. Hier sagt einem doch der gesunde Menschenverstand, ohne dass man jemals etwas über AP gelesen hat, dass das nicht gesund ist und irgendwas schief läuft. Egal, weiter im Text. Ich erkannte, dass die Autorin mit ihrer Situation unzufrieden ist, sogar bis zu dem Punkt, dass sie so am Ende ist und aus Trotz und Überforderung genau das Gegenteil und darüber hinaus machen möchte, nur um sich selbst zu spüren. Ein Verhalten, das ich zu gut von kleinen Kindern kenne. 😉 Die Spitze war für mich, das Anstiften des Ziehens an einer Zigarette einer stillenden (???) Mutter. Für mich einfach nur unfassbar wie man sich so trotzig verhalten kann.

Ich begriff nach Lesens des Artikels trotzdem noch nicht, die Aufregung über das ganze Thema. Das ist doch einfach nur eine Mutter, die nicht auf sich geachtet hat und deswegen am Ende ist. Ein Thema, das für Diskussionen und Stellungnahmen sorgen sollte? Habe ich nicht verstanden. Vielleicht weil mich irgendwelche Definitionen, Dogmen oder Idealismen in Sachen Erziehung nicht so sehr interessieren, ich bin da eher der Praktiker. 😉 Soweit also der erste Gedanke zu Attachment Parenting aus Männersicht.

Attachment Parenting aus Männersicht

Bedürfnisgerechte Erziehung bei uns

Die Erziehung der Kinder ist doch so etwas Persönliches, dass sie in jeder Familie anders ist, anders gestaltet wird und das auch so sein sollte. Man sollte auf sein Gefühl hören, Dinge die einem als plausibel erscheinen praktizieren und sich von seiner Umwelt nicht so reinreden lassen. Vielleicht ist es ein Männerding, aber Ratschläge oder auf gut hessisch das Gebabbel von Außenstehenden prallen an mir einfach ab, wenn ich sie nicht für richtig erachte. Ich nehme es mir einfach nicht so zu Herzen, was andere Denken – das war nicht immer so. Aber ich habe es mir angewöhnt, denn kein Mensch steckt in meiner Situation und kennt mein „Inneres“. Das tue nur ich.

Ich höre lieber auf mein Bauchgefühl!

Und das sagt mir, meine Kinder wollen liebevoll erzogen werden. Sie sind genauso harmonie- und liebebedürftig wie ich. So wie ich mit Respekt behandelt werden möchte, so behandele auch ich meine Kinder mit Respekt und schikaniere sie nicht, nur weil sie klein sind und sich nicht wehren können. Sie wurden/werden getragen, im Kinderwagen gefahren, schlafen im Familienbett, werden mit Wegwerfwindeln gewickelt, nach Bedarf gestillt und gefragt ob sie den roten oder den gelben Becher wollen. Sie „helfen“ den Tisch zu decken und aufzuräumen nach ihren Fähigkeiten und wachsen so in ein Leben des „Miteinander“ hinein. Sie sind in den meisten Fällen gleichberechtigt (ja, manchmal muss man auch ungeliebt Dinge durchsetzen 😉 ). Aber gleichberechtigt heißt für mich auch, dass es mir bzw. den Eltern gut gehen muss, um voll für die Kinder da zu sein. Und egal wieviele Bedürfnisse die Kinder haben, ich habe diese auch und darf mich nicht einfach vernachlässigen, nur weil irgendein Dogma das vielleicht vorsieht oder irgendwelche Eltern das so hineininterpretieren und einen eines abwertenden Blickes würdigen, wenn man dies nicht genau so umsetzt und obendrauf am besten noch so eine Torte mit Glitzer backt. Nein, geht es mir nicht gut, kann es meinen Kindern auch nicht gut gehen. Und so musste ich bei Katja die Notbremse ziehen.

Familie

Die Bedürfnisse aller Familienmitglieder sind wichtig!

Über 16 Monate stillen, seit Jahren keine durchgeschlafene Nacht mehr, äußerten sich bei ihr vor Kurzem dann in Magenkrämpfen und mehreren Tagen über der Kloschlüssel. Da war dann der Punkt erreicht, bei dem ich sagte, ok jetzt wird wirklich endlich abgestillt und nicht rumgeeiert. Katja war so schwach, dass sie nicht mehr zum nach der Brust (?) schreienden Kind gehen konnte. Also war ich gefragt. D.h. ich brachte den Kleinen ins Bett, Katja nächtigte in einem anderen Zimmer, sodass auch ja nichts anbrennt. Bedeutete für mich natürlich ein womöglich die Nacht durchschreiendes Kind versuchen zu beruhigen. Aber ich war da ganz pragmatisch und zuversichtlich, das würde schon irgendwie gehen! 😉 Und es hat ja auch ganz gut geklappt. Er lies sich im Laufe der Nacht immer besser beruhigen, so dass ich vorschlug es nun durchzuziehen was ja nun mal angefangen hat und mich die nächsten Nächte auch um die Kinder zu kümmern.

Katja ist inzwischen „stillfrei“ und es geht ihr dank wesentlich mehr Schlaf sichtlich besser. Es musste ihr aber auch erst klar werden, dass es Alex auch gut geht dabei! Klar hat er sich erst beschwert, aber dieses „ich-bin-in-Not-Schreien“, das hat er nicht mehr gemacht wie bei den ersten Abstillversuchen. Daher ist es für mich ganz klar, auf sein Bauchgefühl hinsichtlich Erziehung bzw. Umgang mit den Kleinen zu hören. Unser Bauchgefühl hat einfach gesagt, die Stillzeit war für Mutter und Baby wunderschön, aber die Mutter braucht jetzt einfach Entlastung und die gibt es realistischerweise nur im benötigten Maße, wenn ich sie nachts vertreten kann!

Papa

Meine Meinung zur Attachment Parenting Diskussion

Ich würde mich auch als relativ modernen Vater sehen: Ich habe den Job gewechselt um meine Kinder häufiger sehen zu können (das war einer von mehreren Gründen), ich gehe zu Elternabenden, ich lege den Kleinen mittags schlafen und lege mich dazu, ich liebe das Familienbett, ich bin mit Sophia bereits mit zwei Jahren mehrere Male alleine in Urlaub gefahren um eine feste Vater-Tochter-Bindung zu erzeugen, ich mache Ausflüge mit den Beiden, ich unterstütze Katja in ihrem Beruf und würde auch bei meiner Karriere zurückstecken und die Kinderbetreuung übernehmen, sodass Katja nach den vielen Jahren auch mal am Zug ist. Auch wenn Katja natürlich etwas anderes sagt teilen wir auch den Haushalt und anfallende Arbeiten drum herum (ich sag mal Steuererklärung und so etwas!) ziemlich gut zwischen uns auf. Denn auch das hat was mit Bedürfnissen zu tun, die Erwachsene haben: Das Bedürfnis irgendwie gleichberechtigt/gleichwertig zu sein mit dem Partner. Allerdings kann ich herumstehendes Geschirr wohl punktuell besser ignorieren als Katja. 😉 Und warum mache ich das alles? Weil es sich richtig anfühlt! Und darauf kommt es an, und nicht was andere sagen.

Über den Autor:

Ich heiße Stefan und bin professioneller Fotograf, Vollblut-Unternehmer und suche permanent nach neuen Herausforderungen. Wenn ich mal nicht eine Kamera in den Händen halte oder an meinen nächsten Zielen arbeite, verbringe ich meine freie Zeit mit meinen beiden Kindern und meiner Frau. Bevorzugt in fernen Ländern und meinem Geburtsland Indonesien. Mein Mindset: "Das Leben ist zu kurz, um Dinge zu tun, die man nicht tun möchte."

14 Kommentare

  1. Mama will Schoko 2. Oktober 2017 um 22:28 Uhr - Antworten

    Ein schöner Artikel, der endlich mal die Sicht eines Papas zeigt. Gehe mit ganz vielen Dingen konform und finde auch toll, dass Du so ein moderner Papa bist. Sollte inzwischen selbstverständlich sein, ist es aber oft nicht. Habe zum Glück auch so einen zu Hause 🙂

    Liebe Grüße
    Natalie

    • Stefan Czajkowski 4. Oktober 2017 um 11:29 Uhr - Antworten

      Vielen Dank liebe Natalie! Finde, es ist wichtig für die Kinder da zu sein, aber sich selbst nicht zu vernachlässigen!

  2. Eva 3. Oktober 2017 um 8:09 Uhr - Antworten

    Danke für den Artikel.
    Da hast du eine sehr gesunde Sichtweise, mein Mann stimmt dir da voll zu. Er findet auch das Gebabbel völlig unnötig.
    Und lesen sollte man auch nicht alles, was da geschrieben wird.

    Gut das Katja entlastet ist und dieser Weg zu euch passt. Wir teilten uns die Kinderbetreuung lange Zeit auf. Nun habe ich mit Arbeiten aufgehört (auswärts) weil unser Geschäft immer mehr Zeit benötigt. Doch Selbständigkeit hat viele schöne Vorteile.

    Wir wünschen euch ganz viel wunderschöne Familienmomente.

    Liebe Grüsse Eva

    • Katja Czajkowski 3. Oktober 2017 um 20:11 Uhr - Antworten

      Danke für deine lieben Worte Eva! Ein eigenes Geschäft ist toll. Natürlich viel Arbeit, aber meist kann man es viel besser an die Familie anpassen! 🙂

    • Stefan Czajkowski 4. Oktober 2017 um 11:30 Uhr - Antworten

      Hahaha, anders kann man es wirklich nicht nennen außer ‚Gebabbel‘ 😉 Danke Eva!

  3. Anja 3. Oktober 2017 um 13:20 Uhr - Antworten

    Interessanter Beitrag. Einer der besten Tipps, die ich bei der Adoption unserer damals vier Monate alte Tochter bekommen habe: Du kannst dir viele wohlmeinende Ratschläge anhören, aber letztendlich musst du auf dein Bauchgefühl hören. Bis jetzt (anderthalb Jahre später) sind wir damit ganz gut gefahren.

    • Katja Czajkowski 3. Oktober 2017 um 20:10 Uhr - Antworten

      Ja das stimmt. Manchmal hört man vor lauter „Rauschen“ das eigene Bauchgefühl gar nicht mehr richtig! Ich wünsche euch weiterhin einen „lauten Bauch“ 😀

    • Stefan Czajkowski 4. Oktober 2017 um 11:32 Uhr - Antworten

      Genau, am Ende bist du diejenige, die die Suppe auslöffeln musst. Deswegen am besten die Ratschläge anhören und dann selbst entscheiden! Danke Anja 🙂

  4. Renate 4. Oktober 2017 um 9:19 Uhr - Antworten

    Ich bin schon etwas älter – habe die ersten Enkelkinder, und habe voller Interesse den Artikel gelesen.
    Er führt zu dem, was wir früher bei der Erziehung unserer Kinder gemacht haben: manches aus dem Bauch heraus.
    Über die Jahre ist mir aufgefallen, dass die jungen Eltern mit so vielen Informationen zugeschüttet werden, dass daraus keine Sicherheit, sondern eher Unsicherheit entsteht. Alle haben zu allem eine Meinung und die wird auch wortreich kundgetan. (Das ist auch in vielen anderen Lebensbereichen und der Politik zu beobachten).
    Ich denke, ihr macht es genau richtig. Eltern dürfen sich selbst nicht vergessen, auch nicht als Paar. Das Beste fürs Kind im Blick, aber nicht um jeden Preis.
    Hört weiter auf den Bauch – soll er sich ruhig laut melden 🙂

    LG
    Renate

    • Stefan Czajkowski 4. Oktober 2017 um 11:34 Uhr - Antworten

      Vielen Dank liebe Renate! Die Reizüberflutung sehe ich auch als ziemliches Problem an (auch in anderen Bereichen). Man muss soviel filtern um das Richtige für einen selbst zu finden.

      Auch wenn ich in anderen Dingen eher ein äußerst rationaler Mensch bin, höre ich in Sachen Kinder irgendwie fast immer auf meinen Bauch. Es muss sich einfach richtig anfühlen 🙂

  5. Ludowica 5. Oktober 2017 um 21:18 Uhr - Antworten

    Super geschrieben!
    Wir leben auch ein bedürfnisorientiertes Leben. Das heißt für uns, dass Dogmen und „man muss sich“-sätze gestrichen werden. Man muss erst mal gar nichts. Auch nicht an die frische Luft, nur weil irgendein Konzept das predigt. Wir orientieren uns an den Bedürfnissen der Familienmitglieder, die alle ihre Berechtigung haben. Mein Bedürfnis nach Schlaf ist da nicht weniger wert als das Bedürfnis nach stillen bei meiner Tochter. (Wir haben die gleiche Konstellation wie ihr, nur erst Sohn, dann Tochter) . Es muss abgewogen werden, wer wann was braucht. Und dann wird entschieden.
    Oft aus dem Bauch raus.

    Danke für die deutlichen Worte!
    Wica

    • Katja Czajkowski 7. Oktober 2017 um 11:34 Uhr - Antworten

      Danke für die lieben Worte!
      Ja genau, alle Bedürfnisse abwiegen und dann ein bisschen Bauch dazu! 🙂

  6. Christiane 9. Oktober 2017 um 8:48 Uhr - Antworten

    Du sprichst mir aus der Seele! Es muss eben nicht immer Mama und die Brust sein. Wer nicht auf seine eigenen Bedürfnisse hört, kann kein gutes Vorbild für die Kinder sein.
    Finde ich einen super (und sicher auch notwendigen) Beitrag.
    PS: und danach dieses Actimel Ding?!?? Nicht euer Ernst, oder? War die Kasse echt sooooo leer?

  7. Starky 9. Oktober 2017 um 12:11 Uhr - Antworten

    DANKE!!! Du sprichst mir aus der Seele.
    Ich verfolge diese Diskussion schon eine Weile. AP, „unerzogen“-Bewegung und wie sie alle heißen.
    Meine Kinder sind schon „groß“ (10 & 14) weshalb ich dem ganzen mit etwas Abstand begegne, muss ich doch oft den Kopf schütteln und frage mich, wie man das durchziehen möchte wenn die Kinder größer werden? Ok in einigen Dingen stimme ich überein, und im kleinen ist es ja noch ganz süß und einigermaßen einfach, aber was passiert, wenn die Kinder älter werden und die pupertären Kämpfe anstehen? (und die kommen, egal wie gut die Beziehung ist) oder andere Punkte, bei denen man eingreifen muss? Irgendwann glaube ich, kommt man an einen Punkt, wo man auch mal STOPP rufen muss.
    Ich finde auch, es wird viel zu viele Gebabbel um alles gemacht. Auf den Bauch hören ist genau das Richtige und den Mut haben, auch mal was zu machen was zur Familie passt auch wenn das Umfeld es als „unpassend“ empfindet. (Ich habe zb meinen Sohn nicht gestillt, oft sollte ich mich dafür rechtfertigen, aber zu unserer Familiensituation hat esnunmal am besten gepasst, und eine Bindung haben wir dennoch aufgebaut)
    Lasst euch nicht reinreden!
    LG Starky

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